Elisabeth Carr

Vielgestalt mit Bodenhaftung –
Elisabeth Carr und die Liebe zur Kultur

Starnberg – Sie ist eine Vielgestalt, sagt sie von sich selbst. Und meint damit, dass sich in ihrem Leben viele Facetten ihrer Persönlichkeit spiegeln. Eine „Vielgestalt“ muss diese zierliche Frau mit den dunklen Locken, die mit ihren 52 Jahren noch etwas sehr anziehend Mädchenhaftes hat, auch sein. Es scheint unmöglich, dass all diese verschiedenen Aufgaben von ein und derselben Person bewältigt werden werden: Elisabeth Carr ist Mutter von sechs Kindern, sie ist ausgebildete Sozialpädagogin und Gestalttherapeutin mit eigener Praxis und sie ist Kunstmanagerin, die Lesungen, Konzerte und Filmabende veranstaltet und als Beraterin für viele Projekte hinzugezogen wird. Für ihre Kulturarbeit hat sie jüngst den Tassilopreis erhalten.

Elisabeth Carr lebt in Starnberg in einem denkmalgeschützten Haus in der Possenhofener Straße. Aufgeräumt sieht es bei ihr aus, und trotzdem angenehm unangestrengt. Durchgestylten Rolf-Benz-Chic sucht man hier vergebens, eher findet man hier ein Flair künstlerischer Bohème mit dem großen Flügel im Wohnzimmer, vielen Kunstbüchern, modernen Bildern an den Wänden und alten Kinostühlen am Couchtisch. Sie liebt diese Salonatmosphäre. Von hier aus nahm auch alles vor sieben Jahren seinen Anfang. „Wir haben so schöne Räume hier und sollten sie öffnen“, dachten sie und ihre Freundin Ariane von Hofacker damals. „Machen wir doch eine Lesung im Wohnzimmer.“ Eine spontane Idee aus dem Bauch heraus, die aber einschlug wie der Blitz. Das Haus war rappelvoll. Schon für die nächste Veranstaltung mussten sie eine andere Lokalität suchen.

So wurde die Idee für die „KunstRäume“, wie Carrs Kulturatelier heißt, geboren. Die Idee dahinter: Kunsträume, das sind außergewöhnliche Orte, die sich mit Konzerten, Lesungen, Theater oder Tanz füllen und auf diese Weise quasi zum Gesamtkunstwerk werden.
Ein Beispiel dafür ist der historische Wartesaal im Bahnhof Starnberg, der im Dornröschenschlaf vor sich hindämmerte. Carr hatte ihn einmal gesehen und sofort gefühlt, dass er für eine kulturelle Nutzung geöffnet gehört. Für sie ist der verblichene Glanz des Wartesaals überhaupt kein Problem: „Er hat eine ganz eigene Atmosphäre“, sagt sie. „Man muss nicht jahrelang darauf warten, bis er restauriert ist.“ Nun finden in dem holzgetäfelten Raum, in dem ehemals die königlichen Herrschaften die Zeit bis zur Abfahrt verbrachten, Konzerte bei seidenem Kerzenschein statt, die den Zuhörer in eine andere Zeit versetzen.

Als Veranstaltungsorte hat Elisabeth Carr schon viele extravagante Räume entdeckt: die Roseninsel, den Schlossgarten, private Salons, Museen, aber auch ein Kino, einen Katastrophenschutzraum, einen Teppichladen oder ein Modehaus, 80 verschiedene Orte waren es insgesamt. Während andere Veranstalter darauf schauen, dass sie möglichst Künstler mit einem zugkräftigen Namen gewinnen, geht es Elisabeth Carr um das Ganze, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Für sie soll es gerade nicht der klassische Theatersaal mit einer Bühne sein, auf der oben der gefeierte Musiker steht und unten die Zuhörer sitzen. Sie findet es reizvoller, wenn sich beide quasi auf „Augenhöhe“ begegnen. „Es ergibt sich eine ganz andere Beziehung zwischen Künstler, Publikum und Raum“, erklärt sie ihr Konzept. „Es entsteht Nähe.“

Elisabeth Carr ist jemand, der sehr geerdet wirkt, obwohl sie sich ständig in der Welt der Kunst und Kultur bewegt – sie hat den Literarischen Herbst organisiert, die Brahmstage in Tutzing, die Musikferien mit Julia Fischer oder eine Filmreihe mit Matthias Helwig.

„Die Bodenhaftung habe ich von meinem Vater, der von Beruf Förster war“, sagt sie. Ihre Mutter stammt aus einer alteingesessenen Starnberger Familie, dem Fischergeschlecht Pangerl-Schropp. Durch den Beruf des Vaters zogen die Weiß‘, so ist Carrs Mädchenname, in der Region viel umher. Geboren ist sie in Garmisch, aufgewachsen in Starnberg und Wolfratshausen, Abitur machte sie in Bad Tölz. Schon mit 17 lernte sie ihren Mann kennen, und zwar auf einem Fest der Künstlerfamilie Heinsdorff in Irschenhausen. Der 22-jährige David Carr kam aus Australien, befand sich auf Weltreise und wollte eigentlich nur ein paar Tage Station machen. Wegen der Liebe wurde aus ein paar Tagen ein ganzes Leben. Nach dem Schulabschluss studierte Elisabeth Sozialpädagogik in München, schon bald freuten sie sich über das erste Kind. Und dann über das zweite, das dritte, das vierte, das fünfte und das sechste. Die fünf Söhne und eine Tochter sind heute zwischen zwölf und 28 Jahren. Drei von ihnen wohnen noch im Haus.

Kinder, Küche, Wäsche auf die Reihe zu kriegen war nicht immer ein Pappenstiel. Organisationstalent müsse man schon besitzen, meint Elisabeth Carr. Auch mit ihrem großen Haushalt habe sie immer Wert auf Ordnung und ein ansprechendes Interieur gelegt. Das Wohnzimmer sei auch trotz der sechs Kinder immer aufgeräumt gewesen. Was einem aber nicht in Schoß falle: „Es erfordert eine hohe Disziplin von sich selbst“, sagt sie. Wichtig sei aber auch die Liebe zu sich selbst. So wäre es ihr nie eingefallen, auch mit einem Stall voll Kleinkinder nur in der Kittelschürze herumzulaufen. „Ich habe mich immer so angezogen, als ob gleich Besuch kommen würde.“ Und Besuche, die hatte die Familie häufig. Die gesellschaftliche Gabe als Gastgeberin besaß Carr von Anfang an. Feste, Besuche, Hauskonzerte, – sie führte immer ein offenes, geselliges Haus. So kommt sie auch gut zurecht, immer in der Öffentlichkeit zu stehen. Immer und immer wieder das Publikum zu begrüßen, die Künstler anzukündigen, mit der Presse zu sprechen und ständig unterwegs zu sein.

Scheinbar spielerisch geht ihr all das von der Hand, sie hat die Gabe, mit natürlicher Herzlichkeit auf jeden offen zuzugehen, sei es die bekannte Geigensolistin oder der Brandschutzbeauftragte im Landratsamt. Eine Gabe, die ihr sicher manche Tür zu ihren „Kunsträumen“ geöffnet hat. Nicht alles aber ist so easy, wie es aussieht. Karten vorverkaufen, Räume dekorieren, Abrechnungen machen – die viele Organisationsarbeit, die die Veranstaltungen mit sich bringen, geht auch an ihre Substanz.

Wie sie all das bewältigt, wird sie immer wieder gefragt. Die Kunst, die Kinder, den Mann, den Haushalt, die Kinder, die eigene Praxis unter einen Hut zu bringen. Ach ja, und im Chor der Bayerischen Philharmonie singt sie auch noch, sie schreibt und malt….Wie bringt man all diese verschiedenen Rollen unter einen Hut? Für sie ist das nicht schwer, zu erklären: „In meinem Leben spiegelt sich all das wieder, was mich interessiert“. Elisabeth Carr ist eben eine Vielgestalt mit zahlreichen Gesichtern.